Henkel: „Das E-Rezept macht uns keine Angst“

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Interview mit Klaus Henkel, erschienen am 21.08.2019 bei DAZ.online. Autor: Dr. Armin Edalat, Chefredakteur DAZ

Die Einführung des E-Rezeptes wirft bei Apothekern viele Fragen auf. Doch eine scheint dabei besonders interessant zu sein: Wozu braucht man dann eigentlich noch Rechenzentren? Mit dem E-Rezept sollen die Wege kürzer und die Arbeitsprozesse schlanker werden. Gehören Rechenzentren damit bald der Vergangenheit an? Auf keinen Fall, sagt Klaus Henkel, Geschäftsführer der ARZ Service GmbH, und freut sich darauf, den Apotheken in Zukunft noch mehr Dienstleistungen anzubieten.


Für Außenstehende war es schon immer ein Kuriosum des Gesundheitssystems: Da gibt der Arzt seine Verordnung in den Praxiscomputer ein und generiert so digitale Daten. Heraus kommt ein ziemlich analoges Papierrezept, mit dem der Patient die Apotheke aufsucht. Dort werden die Daten wiederum händisch in das Kassensystem eingegeben oder in jüngster Zeit auch eingescannt. Zur Abrechnung schickt die Apotheke dann das mit der Taxierung bedruckte Papierrezept an ihr Rechenzentrum, das aus den analogen Daten letztendlich wieder digitale generiert und den Krankenkassen übermittelt.

Eine interessante Frage im Zusammenhang mit dem E-Rezept ist daher: Stehen die Betreiber von Rechenzentren dann ohne Geschäftsmodell da? Denn die Digitalisierung des Papierrezepts wird bald der Vergangenheit angehören. Doch die Branche blickt alles andere als pessimistisch in die Zukunft. Schon 2005 schlossen sich unter dem Namen Fiverx die führenden deutschen Apothekenrechenzentren zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um einen Standard zur Übertragung von Rezeptdaten zwischen der Warenwirtschaft in den Apotheken und den Rechenzentren zu schaffen. Fiverx basiert auf einer Technologie, wie sie von der Gematik für die Telematik-Infrastruktur des Gesundheitswesens vorgesehen ist. Die ursprünglich als Service-Tool entwickelte Schnittstelle bildet heute die Grundlage für die Konzeption des E-Rezeptes. 

Im vergangenen Jahr gründeten elf Apothekenrechenzentren dann einen eigenen Bundesverband, den VDARZ. Das Ziel der Kooperation ist, technische Standards zu entwickeln, um die voranschreitende Digitalisierung in den Apotheken aktiv mitzugestalten. Die VDARZ-Mitglieder verfügen in Summe über einen Marktanteil von 70 Prozent. Zwei bedeutende Abrechnungsdienstleister im deutschen Apothekenmarkt gehen aber weiterhin eigene Wege: die VSA unter der Dachmarke Noventi sowie AvP. 

Henkel: Große Strukturen sind gefragt, keine Insellösungen
Klaus Henkel ist seit Anfang 2019 neben Thomas Haubold Geschäftsführer der ARZ Service GmbH. Zuvor gehörte Henkel rund 14 Jahre der Geschäftsleitung bei AvP an. Der Kenner der Branche erklärt den Zusammenschluss der Rechenzentren so: „Bei der Digitalisierung muss es stets um eine Gesamtstrategie gehen. Die Ergebnisse müssen sich daher an großen Strukturen orientieren. Insellösungen bringen niemanden weiter.“ Im Hinblick auf die Einführung des E-Rezeptes ist es für Henkel daher ein logischer Schritt, dass neben dem Deutschen Apothekerverband (DAV), dem Verband der Warenwirtschaftssystemanbieter (ADAS), mit dem VDARZ nun auch ein Bundesverband der Apothekenrechenzentren besteht: „Diesem entscheidenden Wandel im Markt kann man nur mit einem größtmöglichen Maß an Zusammenarbeit begegnen.“

Im Juli 2018 verabschiedeten die drei Verbände einen „Letter of intent“ und begannen mit der Überführung des E-Rezept-Modellprojektes GERDA in die Telematikinfrastruktur der Gematik.

Wie bewertet er nun konkret die Zukunft der Rechenzentren? Analoge Rezeptdaten in digitale zu übersetzen und den Krankenkassen zu übermitteln wird mit der Einführung der E-Rezepte sicher kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell mehr sein. Der ARZ-Chef steht diesem Systemwechsel aber überhaupt nicht kritisch gegenüber. Im Gegenteil, er freut sich drauf, dass mit dem E-Rezept ein frischer Wind in seine Branche kommt: „Damit gelingt es uns, über Arbeitsprozesse ganz anders zu denken. Wir können uns endlich auf unsere Dienstleistungen für die Apotheken konzentrieren.“ Als spannende Kompetenz der Rechenzentren sieht er im Zeitalter der immer teurer werdenden Arzneimitteltherapien den Apotheken „schnelles Geld“ entlang des Warenstroms bereitstellen zu können. „Weder Start‑ups noch Krankenkassen werden den Apotheken ein solches Dienstleistungspaket anbieten können oder wollen“, macht Henkel deutlich. Darüber hinaus sieht er Rechenzentren nach wie vor als Einrichtungen, die im Interesse der Apotheken Forderungen, Verbindlichkeiten und Lieferverpflichtungen gegenüber Kostenträgern managen können – das sogenannte „Clearing“. Damit zusammenhängend wird es auch mit dem E-Rezept noch nötig sein, die Apotheker in Retax-Fragen zu beraten.

Henkel: Pflegebereich ist eine große Chance für die Apotheken
Ein enormes Potenzial sieht Klaus Henkel im Bereich Pflege auf die öffentlichen Apotheken zukommen. „Pflege geht Sie alle an. Zeigen Sie Ihre Kompetenz, unterstützen Sie Betroffene und ihre Angehörigen“, appellierte er im Juni beim Existenzgründer-Workshop in Düsseldorf. Apotheker könnten Angehörige und Betroffene beraten und ihnen wichtige Hilfestellungen geben. Ein erster Schritt sei die Vermittlung sogenannter Pflegeboxen, die Hilfsmittel für die häusliche Pflege beinhalten. Aktuell gebe es in Deutschland drei Millionen Berechtigte, Tendenz steigend, aber nur ­jeder Dritte wisse von dieser Leistung. Dazu kommt: Apotheken ­seien in diesem Markt noch sehr schwach vertreten, Apothekenkunden würden schon jetzt von anderen Unternehmen beliefert.

Zu erfahren, welcher Patient welchen Bedarf hat, könnten Apothekenleiter anhand ihrer Kundendaten ermitteln. Die dafür nötigen Tools bereitzustellen, sieht Henkel als einen zentralen Kompetenzbereich der Rechenzentren. Überhaupt sei der effektive, aber verantwortungsvolle Umgang mit Patienten- und Gesundheitsdaten ein immer wichtiger werdendes Tätigkeitsfeld für alle Akteure im System. Damit aber die inhabergeführten Einzelbetriebe in Konkurrenz zu größeren Unternehmen nicht das Nachsehen haben, wollen die Rechenzentren die Apotheken auch hierbei unterstützen und besser vernetzen.

Kein abrupter Systemwechsel mit dem E-Rezept
Es wird keinen abrupten Systemwechsel geben, ist sich Henkel sicher. Nach Einführung des E-Rezeptes werden nach seinen Schätzungen etwa 40 bis 50 Prozent der Verordnungen nicht mehr in Papierform vorliegen. Im Umkehrschluss bleibt also das gewohnte Handling für die Rechenzentren in etwa jedem zweiten Fall bestehen. Eine Umstrukturierung innerhalb der Häuser wird es also schon geben, aber eher allmählich und die betroffenen Arbeitsplätze sollen möglichst erhalten bleiben.

Der Betriebswirt Klaus Henkel hat vor kurzem ein weiteres Studium abgeschlossen und darf sich nun Innovationsmanager nennen. Seine Begeisterung für Zukunftsthemen merkt man ihm im persönlichen Gespräch deutlich an. „Die Digitalisierung können wir nutzen, um Schwachstellen in einem Prozess oder System aufzudecken. Das ist eine Riesenchance, für einzelne Betriebe und ganze Branchen“, fasst er zusammen und fügt hinzu: „Das E-Rezept macht uns keine Angst.“

Autor: Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ

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